#1 Lob des Staatskonzerns: Warum die Bahn viel besser ist als ihr Ruf von Alexander Schmitz 11.01.2011 18:03

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Es gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen, sich über die Bahn lustig zu machen. Nun schlägt auch noch die Politik auf das Unternehmen ein. Doch das ist plumpe Polemik, meint Sven Böll. Zeit für ein Lob des Staatskonzerns.

Ja, ich bekenne mich schuldig: Ich fahre gerne Bahn. Es ist nicht so, dass ich etwas gegen das Autofahren oder das Fliegen hätte. Nein, überhaupt nicht. Und klar: Auch mich nerven Reisende, die ihre Koffer durch die Gänge rammen und mich auf der Fahrt an ihrer tagelangen Dusch-Enthaltsamkeit teilhaben lassen. Und es gibt deutlich Erotischeres, als Pärchen am Vierertisch bei der gegenseitigen Rohkostfütterung zuschauen zu müssen.

Trotzdem reise ich auf Strecken bis zu 400, manchmal auch 500 Kilometern einfach gerne mit dem Verkehrsmittel, das mir am meisten Beinfreiheit und Ruhe bietet. Und das mich am zuverlässigsten ans Ziel bringt.

"Bahn" und "zuverlässig", das klingt für viele wie "Ronald Pofalla" und "supercooler Typ", ich weiß. Aber, liebe Bahn-Hasser, es tut mir wirklich leid: Die Züge, mit denen ich fahre, sind meistens relativ pünktlich. Zugestanden, ich rege mich auch nicht auf, wenn der ICE von Berlin nach Hamburg statt anderthalb Stunden ein paar Minuten länger braucht. Mit dem Auto schaffe ich die 300 Kilometer auch nicht in eindreiviertel Stunden. Und selbst wenn es noch eine Flugverbindung gäbe, wäre diese auch nicht schneller als der Zug.

Keine "freie Fahrt für freie Bürger"

Ich glaube, die Bahn ist immer der Super-Depp der Nation, weil Zugfahren nichts Mystisches hat. Wer regelmäßig nach Frankfurt fliegt, weiß, dass es immer wieder zu Verzögerungen kommt. Auch bei innerdeutschen Verbindungen drehen die Flugzeuge dort manchmal Warteschleifen von 30 oder 45 Minuten. Man verbringt also mehr Zeit über Frankfurt als auf dem Weg dorthin.

Aber Fliegen ist eben noch immer etwas Außergewöhnliches. Auch wenn die meisten es nie zugeben würden, sind sie doch irgendwie dankbar, wenn die Aluminiumröhre wieder am Boden ist. Bei so viel Respekt vor dem Transportmittel nimmt man vieles in Kauf - auch eine oft unwürdige Behandlung beim Sicherheitscheck und Nahrung, die diesen Namen nicht verdient.

Beim Auto ist es mit der vermeintlichen Pünktlichkeit ebenfalls nicht weit her. Auf Autobahnen mit zwei Spuren wird eine von Lastern beansprucht. Die andere ist nicht viel mehr als eine bessere Bundesstraße.

Seit diverse Konjunkturpakete ihre Wirkung entfalten, wird eh gebaut, was der Teer hergibt. Gerade auf Hauptachsen wie der A1 oder der A7 gilt schon lange nicht mehr "Freie Fahrt für freie Bürger". Trotzdem ist das Auto noch immer etwas Besonderes. Jeder ist im Rahmen der Verkehrsmöglichkeiten Herr seiner selbst. Auto-Individualismus fühlt sich besser an als Bahn-Kollektiv.

Mandy fragt: "Süß oder salzig?"

Natürlich kenne ich auch die Schwächen der Bahn. Es bringt mich noch immer zum Schmunzeln, wenn der Zugchef mit kruder Betonung trällert "Hallo, liebe Fahrgäste, es ist wieder Spargelzeit! Wie wäre es mit einer leckeren Spargelcremesuppe in unserem Bordbistro?", oder wenn in Göttingen das unvermeidliche Wortungetüm "Mobiler Brezelverkäufer" zusteigt.

Nur gibt es bei anderen Transportmitteln genauso vorhersehbare Absurditäten. Bei Air Berlin fragt meistens eine braungebrannte Mandy, Cindy oder Sandy mit gebleichten Zähnen "Süß oder salzig?". Und auf der Autobahn sitzt auch fast immer der gleiche Typ Frau auf dem Beifahrersitz des Porsche Cayenne. So what, würde der Globetrotter da sagen.

Ich ärgere mich auch, dass es die Bahn einfach nicht schafft, mit der Salamitaktik bei der Information über Verspätungen aufzuhören. Wer um 11 Uhr erfährt, dass der Zug 30 Minuten Verspätung hat, kann sich darauf besser einstellen als wenn die Durchsage um 11 Uhr 25 vollendete Tatsachen beschreibt. Aber dann denke ich mir, niemand kann so verrückt sein und seine Kunden absichtlich immer wieder vor den Kopf stoßen. Es muss sich also um menschliches Versagen handeln.

Fast schon RTL-Niveau

Zumal die Bahn ihre Kunden an anderer Stelle so sehr überinformiert, dass es fast schon nervt. Der Durchsagewahn hat dazu geführt, dass der Schaffner nach dem Bremsen auf freier Strecke erklärt, dass der Zug zum Stehen gekommen ist. Das ist bestes RTL-Niveau: Dort bekommen die Zuschauer auch immer von der Stimme im Hintergrund und von den handelnden Personen erklärt, was sie gerade eh auf dem Bildschirm sehen.

Hier zu wenig Information, dort too much information - optimal läuft es bei der Bahn sicher nicht. Noch nicht. Denn das Unternehmen ist auf einem weiten Weg und hat erst einen Teil davon hinter sich gebracht. Vor gut 15 Jahren war die Bahn noch ein träger, maroder Staatskonzern. Verbeamtete Schaffner erfüllten einen hoheitlichen Beförderungsauftrag und ließen die Fahrgäste auch spüren, dass sie Bittsteller und nicht Kunden seien. Im Vergleich dazu ist der Konzern heute ein modernes Dienstleistungsunternehmen. Nein, ich möchte die vermeintlichen "Früher war alles besser"-Zeiten nicht zurück.

Und was ist mit den unfreundlichen Mitarbeitern? Ja, es gibt Bahner, bei denen sich die Frage aufdrängt, welcher Vorgesetzte bloß der Meinung war, man könne sie auf die Menschheit loslassen. Doch der überwiegende Teil der Angestellten ist inzwischen hilfsbereit, freundlich und stressresistent. Dass unter 200.000 Mitarbeitern in Deutschland eben solche und solche sind, lässt sich mit ein bisschen Statistikwissen erklären. Wie übrigens bei jeder Firma, die aus mehr als einer Person besteht.

Ausbau von Strecken dauert Jahrzehnte

Ärgerlich ist es in der Tat, dass Deutschland selbst im Jahr 2011 kein funktionierendes Hochgeschwindigkeitsnetz hat, das alle Ballungszentren miteinander verbindet. Es gibt noch immer viel zu viele Stellen im Schienennetz, für die der offizielle Begriff Langsamfahrstelle schon eine Beschönigung ist. Und es ist ärgerlich, dass jenseits der ICE-Strecken zum Teil museumsreife Züge fahren und von Kegelclubs in den neunziger Jahren drangsalierte Interregio-Waggons heute zu Intercitys verbunden werden.

Nur darf man auch hier nicht Ursache und Wirkung verwechseln: Die Bahn ist noch immer zu 100 Prozent im Besitz des Bundes. Eben jener Alleinaktionär verordnete dem Konzern ein Fitnessprogramm für den Börsengang, boxte Prestigeobjekte wie Stuttgart 21 durch, legte dem Unternehmen nahe, seine nicht gerade wetterresistenten ICE bei Siemens statt im Ausland zu kaufen und stellt traditionell viel zu wenig Geld für Investitionen ins Schienennetz zur Verfügung.

Der Konzern ist so klamm, dass Projekte wie der Ausbau der Rheintalbahn in Baden-Württemberg Jahrzehnte dauern - und Deutschland selbst internationale Versprechen nicht erfüllt. Die Strecke zwischen Köln und Paris ist heute in Frankreich und Belgien komplett auf Hochgeschwindigkeit getrimmt - nur in der Bundesrepublik trödeln die Züge noch.

Vielleicht sollte sich die Politik einmal fragen, welchen Anteil sie an den Problemen der Bahn hat - statt wie nun Verkehrsminister Peter Ramsauer in bester Polemik auf den eigenen Konzern einzuhauen und dafür den wohlfeilen Applaus der Massen zu bekommen.

Quelle: Spiegel Online

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