#1 Bahn Bashing muss nicht sein - ein sachlicher Erfahrungsbericht mit positiven Aspekten zur Bahn von Andreas Beeck 19.01.2011 20:11

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Zitat von http://www.myheimat.de/nienburg-weser/ge.../1/recommend/1/

Bremsstörung: Zug bleibt in Dedensen/Gümmer liegen...

Pech gehabt: Wer so früh Feierabend hat, dem darf das Schicksal auch schon mal einen Strich durch die Rechnung machen...

Wegen einer Bremsstörung blieb heute gegen 14.30 Uhr RegionalExpress 4420 in Dedensen/Gümmer liegen und hinterließ hunderte Fahrgäste, die sich am beschaulichen Haltepunkt so gar nicht zurechtfinden konnten.

Pluspunkt für die Bahn: InterCity 2328 wurde in Wunstorf zurückgehalten und für Direktreisende nach Nienburg, Verden und Bremen - ohne Aufpreis - freigegeben. Den Transfer nach Wunstorf besorgte eine S-Bahn der Linie S1.

Der Informationsfluss war vorbildlich: Auf dem Bahnsteig in Dedensen/Gümmer stellte sich das Zugpersonal freundlich den Fragen der Fahrgäste. Auch in der S-Bahn erfolgten mehrere Ansagen zu Weiterreisemöglichkeiten Richtung Bremen. In Wunstorf wurde kurzfristig ein Servicemitarbeiter abgestellt, der am InterCity sein bestes gab, weitere Fragen zu beantworten.

Obschon sowohl in der S-Bahn als auch am Bahnsteig und im InterCity selbst durchgesagt wurde, dass der IC nicht in Neustadt halten würde, verzögerte sich die Abfahrt des Zuges um mehrere Minuten, weil offenbar etliche Reisende nicht in der Lage waren, diese Information aufzunehmen und für ihren weiteren Reiseverlauf zu verarbeiten...

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Kleine Chronik:

14.21 Uhr: RE 4420 nach Bremen verlässt den Hauptbahnhof Hannover pünktlich und planmäßig von Gleis 12.

14.28 Uhr: Kurz nach Passieren des Bahnhofs Seelze wird der Zug plötzlich langsamer. Erste Vermutungen: "Hm... Dass wir jetzt hier langsamer werden, ist aber auch nicht normal!"

14.30 Uhr: Während der Zug langsam am Bahnsteig des Haltepunkts Dedensen/Gümmer ausrollt, ertönt eine Durchsage. Der Zug würde außerplanmäßig in Dedensen/Gümmer halten. Man solle "bitte sitzenbleiben und nicht aussteigen"...

14.31 Uhr: Der Zugchef und zwei weitere Personen in Unternehmensbekleidung der Deutschen Bahn eilen ans Ende des Zuges...

14.33 Uhr: Eine weitere Durchsage: "Wegen einer Bremsstörung wird sich die Weiterfahrt dieses Zuges um einige Minuten verzögern."

14.35 Uhr: Die Sonne lugt aus dem Wolkendickicht hervor und einige Fahrgäste in Fahrtrichtung links ziehen die Sonnen-Rollos herunter...

14.38 Uhr: Trotz der Aufforderung doch bitte sitzenzubleiben steigen die ersten Fahrgäste aus dem Zug aus - zünden auf dem Bahnsteig Zigaretten an, rufen geistesgegenwärtig ein Taxi herbei...

14.45 Uhr: Das erste Taxi ist da - noch bevor feststeht, dass der Zug nicht mehr weiterfahren kann. Gut mitgedacht!

14.48 Uhr: Durchsage, dass der Zug aufgrund eines technischen Defektes nicht mehr weiterfahren kann. Man könne die nachfolgende S-Bahn nach Wunstorf nutzen. Angaben zur Weiterreise in Richtung Bremen erfolgen zunächst nicht.

14.48 Uhr: Hunderte Menschen strömen vom Zug auf den Bahnsteig... und stehen einfach da! Statt sich aus erster Hand beim Zugchef zu informieren, der sehr vorbildlich an einem etwas leereren Teil des Bahnsteigs Fragen beantwortet, stolpern sie sich gegenseitig über die Füße und fragen "Nachbarn" wie es nun weitergeht. Auch wenn es keine verlässlichen Informationen zur Weiterreise ab Wunstorf gibt, stellt sich das Personal freundlich den Fragen der Fahrgäste und versucht sie so gut es geht zu beantworten...

14.52 Uhr: Auch dem Großteil der nach wie vor tatenlos herumstehenden Reisenden wird nun langsam klar, dass es mit der S-Bahn von Gleis 2 nach Wunstorf weitergeht. Eine kleine Völkerwanderung beginnt. Ich begleite diese am Rande und beobachte...

14.53 Uhr: Der Zugang zum Gleis 2 ist dicht. Stau. Zu viele Menschen. Es geht nur äußerst schleppend voran...

14.54 Uhr: Jemand tritt mir auf den Fuß. Er entschuldigt sich und ich entschuldige abnickend seinen "Fehltritt"...

14.55 Uhr: Ich erblicke wahnsinnige Menschenmengen auf dem Bahnsteig. Die "Blechelse" kündigt eine Zugdurchfahrt am Gleis 3 an... Das wird eng!

14.56 Uhr: Der kunterbunte IC 2328 nähert sich mit hoher Geschwindigkeit. Schrecksekunde: Der Triebfahrzeugführer sieht die (gezwungenermaßen) sehr nah an der Bahnsteigkante stehenden Menschentrauben und betätigt die Pfeife.

14.56 Uhr: Glück gehabt! Die Frisur einiger Fahrgäste ist im Eimer, aber sie sind alle unverletzt...

14.58 Uhr: Die S1 fährt außerplanmäßig nach Dedensen/Gümmer, Gleis 2, ein. Weil sich die Fahrgäste vorher nicht adäquat auf dem Bahnsteig verteilt haben (Anm.: Das Problem gibt es dort übrigens grundsätzlich!), läuft der Fahrgastwechsel äußerst schleppend und die Weiterfahrt verzögert sich unnötig.

15.00 Uhr: Die S-Bahn fährt los und es beginnt im Eingangsbereich, in dem ich mit rund zehn anderen Reisenden und zwei Fahrrädern stehe, ein Dialog zur kostenlosen Fahrradmitnahme und den Weiterreisemöglichkeiten.

15.05 Uhr: Ich stehe in Wunstorf am Bahnsteig. Der InterCity auch. Allerdings am anderen Bahnsteig. Weil der laut Durchsage "abfahrtbereit" bereitsteht, entschließe ich mich für die Verwendung eines schnellen Schrittes...

15.06 Uhr: Zwischen den Treppenaufgängen pendelt ein Mitarbeiter in einer (eine Nummer zu großen) auffällig roten "SERVICE"-Weste hin und her und gibt die Information heraus, dass der Zug gleich abfahren und nicht in Neustadt halten wird...

15.07 Uhr: Der Mitarbeiter versichert mir, dass ich den Zug ohne Aufpreis nutzen könne. Zur Sicherheit mache ich ein Foto von seinem durchaus nicht uninteressanten Antlitz (zu oft hat mich die Bahn/der GVH/sonstwer da in letzter Zeit schlichtweg falsch informiert)...

15.07 Uhr: Ich bin in den Eingangsbereich des älteren Bimz-Wagens Nr. 51 80 22 95647-9 (Wagen Nr. 9) eingestiegen und frage mich, wann es losgehen wird. Zwei Schülerinnen neben mir fragen sich, ob sie im "richtigen" Zug sind und ob sie wohl "diese komischen" Drehfalttüren beim Halt in Nienburg bzw. Verden aufbekommen würden. Ich beruhige die Situation...

15.08 Uhr: Mehrere Personen fragen hektisch in den Eingangsbereich hinein, ob der Zug auch in Neustadt hält. Ich gebe meine Information weiter und freue mich, den anderen geholfen zu haben.

15.09 Uhr: Der Fahrdienstleiter sagt am Bahnsteig durch, dass der Zug nicht in Neustadt halten wird, sondern erst wieder in Nienburg...

15.10 Uhr: Wieder fragt jemand, ob der Zug in Neustadt halten wird. Jetzt ist es mir zu blöd - ich antworte nicht mehr!

15.11 Uhr: Jemand anderes fragt, ob der Zug nach Nienburg fährt. Ich schaue desinteressiert aus dem Fenster gegenüber...

15.13 Uhr: Auf dem Bahnsteig stehen immernoch etliche Reisende. Die zwei Mädchen neben mir werden unruhig: "Wann geht's denn jetzt endlich los?"

15.15 Uhr: Wieder tritt jemand an den Eingangsbereich des Wagens heran und möchte wissen, ob der Zug auch in Neustadt hält. Ich verdrehe die Augen und gleichzeitig ertönt eine Ansage im Zug (sinngemäß, mit leicht genervtem Unterton): "Sehr geehrte Fahrgäste! Bitte beachten Sie, dass dieser Zug NICHT in Neustadt hält! Unser nächster Halt ist Nienburg! Reisende nach Neustadt nutzen bitte [...]" usw.

15.16 Uhr: Auch ich bin genervt. Wieso hören die Leute nicht zu?!?

15.20 Uhr: Ein Pfiff ertönt. Die Türen schließen mit einem "Rumms", der Zug setzt sich in Bewegung.

15.24 Uhr: Nach dem Passieren der Baustelle zwischen Wunstorf und Poggenhagen im Gleiswechselbetrieb und einer illustren Weichenputz-Fahrt im Bahnhof Poggenhagen haut der Triebfahrzeugführer den "Hebel on the table" - sechs Wagen zwischen zwei arbeitenden Triebfahrzeugen der Baureihe 120: Nette Beschleunigung!

15.29 Uhr: Statt im (zugegebenermaßen nicht vorhandenen Steuerwagen) zu hocken und sich der hohen Fahrgast-Auslastung zu entziehen, kontrolliert das Bordpersonal konsequent die Fahrscheine! Meine Nachbarn sind genervt, aber ich finde das gut! Auch für Fragen hat es ein offenes Ohr...

15.33 Uhr: Der Zug erreicht Nienburg. Ich bin im Feierabend angekommen und um die Erfahrung reicher: Nicht immer kann man der Bahn einen Vorwurf machen! Viel mehr sollten sich einige Reisende vielleicht mal an die eigene Nase fassen und Informationen zu erfragen und (vor allem) zu verstehen lernen...



Quelle: My Heimat

#2 RE: Bahn Bashing muss nicht sein - ein sachlicher Erfahrungsbericht mit positiven Aspekten zur Bahn von Marcel Hilgers 19.01.2011 21:38

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Schöne geschrieben...^^

#3 RE: Bahn Bashing muss nicht sein - ein sachlicher Erfahrungsbericht mit positiven Aspekten zur Bahn von Felix K. 19.01.2011 21:58

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jop
gefällt mir !

#4 RE: Bahn Bashing muss nicht sein - ein sachlicher Erfahrungsbericht mit positiven Aspekten zur Bahn von Justus P. 20.01.2011 13:58

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Die Bahn muss halt nicht immer gleich Schlecht sein

#5 RE: Bahn Bashing muss nicht sein - ein sachlicher Erfahrungsbericht mit positiven Aspekten zur Bahn von Alex G. 23.01.2011 11:39

Daumen Hoch

#6 RE: Bahn Bashing muss nicht sein - ein sachlicher Erfahrungsbericht mit positiven Aspekten zur Bahn von Pascal S. 23.01.2011 12:06

Schön geschrieben und vorallem sachlich! Sowas liest man wirklich gerne!

#7 RE: Bahn Bashing muss nicht sein - ein sachlicher Erfahrungsbericht mit positiven Aspekten zur Bahn von Tim L. 02.02.2013 20:38

Schön geschrieben!!! Nur bei 15:09, gibt die 3S Zentrale nicht die Durchsage durch?

#8 RE: Bahn Bashing muss nicht sein - ein sachlicher Erfahrungsbericht mit positiven Aspekten zur Bahn von Marius Gerads 03.02.2013 12:45

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Die 3-S-Zentrale macht garkeine Ansagen, Ansagen kommen entweder Zentral aus einem Ansagezentrum (was Teil der 3-S-Zentrale ist) ODER werden örtlich von den Fahrdienstleitern auf den örtlichen Stellwerken getätigt, hierbei wird die DB Netz AG von der DB Station & Service AG beauftragt und bezahlt um diesem Part zu übernehmen.
Ist bei uns im Raum Aachen, wo ich auf'm Stellwerk sitz auch so, wir beschallen direkt zwei Bahnhöfe von unserem Stellwerk aus.

Gerüchten zur Folge soll der Vertrag allerdings dieses Jahr aufgelöst werden, die Ansagen würden dann überall via. Blechelse oder Ansagezentrum erfolgen.. aber lassen wir uns mal überraschen, schön wäre es.....

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