#1 Interview mit Herrn Richter, Geschäftsführer von National Express von Marcel Hilgers 04.02.2015 22:43

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Hallo!

Im Rahmen der Vergabe der S-Bahn Nürnberg gibt es ein sehr schönes Interview, wo u.A. auch eine Erklärung zum Rückzug von der Ausschreibung der S-Bahn Berlin mit recht deutlichen Worten abgegeben wurde. Meines Erachtens sehr interessante Punkte habe ich mal hevorgehoben.

Zitat von http://www.mittelbayerische.de/region/nuernberg-ressort/artikel/wir-arbeiten-wie-ein-familienbetrieb/1186829/wir-arbeiten-wie-ein-familienbetrieb.html#1186829
„Wir arbeiten wie ein Familienbetrieb“
Im MZ-Interview verriet Geschäftsführer Tobias Richter, was seine „National Express“ für das Nürnberger S-Bahn-Netz planen.


NEUMARKT Das private britische Eisenbahnunternehmen „National Express“ wird aller Voraussicht nach den Zuschlag für den Betrieb des Nürnberger S-Bahn-Netzes ab Dezember 2018 bis Dezember 2030 erhalten. Um dieses hatte sich die deutsche NX-Tochtergesellschaft „National Express Rail GmbH“ mit Sitz in Köln beworben. Deren Geschäftsführer ist der in Mittelfranken seit gut 40 Jahren wohnende Tobias Richter. Wir haben uns mit ihm unterhalten:


Wie wichtig war es Ihnen persönlich, als in Mittelfranken wohnender Geschäftsführer der deutschen Tochter eines britischen Eisenbahnunternehmens diese Ausschreibung in Nürnberg zu gewinnen?
Tobias Richter: Jede Nahverkehrsausschreibung in Deutschland ist wichtig. Dennoch fühle ich mich bei dem Nürnberger Wettbewerb wie Miroslav Klose, als er bei der WM 2008 zwei Tore zum 2:0-Sieg gegen Polen vorbereitet hatte: Die langen Jahre in der Bundesbahndirektion Nürnberg waren sehr lehrreich und bei der damals jungen DB Regio Nordbayern habe ich das Handwerkszeug erlernt, das heute die Basis für den Erfolg darstellt. Ich schätze die Kollegen von DB Regio sehr, denn sie machen eine wirklich gute Arbeit und hatten viele Probleme zu meistern. Gerade deshalb fühle ich sehr mit ihnen.


Kaum hat man sich an die roten Talent 2-Züge gewohnt, werden Sie und Ihr Unternehmen ganz neue Fahrzeuge anbieten. Um welche handelt es sich dabei. Passen die Bahnsteiglängen?
Wir sind mit fabrikneuen Zügen ins Rennen gegangen, die gar nicht weit von Nürnberg entfernt produziert werden, nämlich in Pilsen. In Nürnberg gibt es ja leider schon lang keinen Schienenfahrzeugbau mehr. Jeder unserer Züge bietet 425 Sitzplätze und die Zuglänge ist für das nordbayerische S-Bahnnetz und deren Bahnsteige optimiert


Wann werden in Nürnberg dafür die Bahnsteighöhen an Gleis 1, 2 und 3 (von 92 auf 76 cm) angepasst?
Wir fahren nur die Züge, die Infrastruktur, also Gleise und Bahnsteige verbleiben bei der DB, Deshalb kann diese Frage nur die DB beantworten. Im Interesse unserer Fahrgäste werden wir uns aber für eine termingerechte Anpassung einsetzen.


Die Ausschreibung wurde auf zwei Lose aufgeteilt. Was ist darunter zu verstehen?

Auf einigen S-Bahnlinien fahren heute recht neue Fahrzeuge, auf anderen Linien sind die Züge bereits bis zu 30 Jahre alt. Entsprechend wurde in der Ausschreibung das Netz geteilt. In der einen Hälfte waren die alten Züge zwingend durch fabrikneue zu ersetzen, in der anderen Hälfte durfte die Bahn auch mit ihren vorhandenen Zügen anbieten.


Wie geht es mit den DB-Mitarbeitern weiter, die noch bei der roten DB-Tochter „Regio“ im Nürnberger Netz etwa in S-Bahn-Zügen auf der Lok sitzen?
Ich kenne viele der Kollegen persönlich und fühle mich aber nicht nur deshalb für sie verantwortlich. Das entspricht auch der National Express Philosophie, die ich in England erleben durfte. In den Einsatzstellen Neumarkt, Bamberg, Ansbach und Nürnberg Hbf arbeiten vielfach motivierte und gut ausgebildete Kräfte, auf deren Erfahrung wir sehr gern setzen möchten. Wir werden jedem DB-Mitarbeiter, der wechseln möchte, nicht nur einen sicheren und langfristigen Arbeitsplatz anbieten, der auch dem heutigen Niveau entsprechend bezahlt wird. Wir werden auf die Atmosphäre eines Familienbetriebes setzen, denn die Verwaltung wird ebenfalls in Nürnberg sitzen. Wesentliche Entscheidungen werden vor Ort getroffen.


Wie steht es um die Tarifabschlüsse von NX mit beiden Gewerkschaften? Sind dabei bald ähnliche Auseinandersetzungen mit den bekannten Folgen wie bei der DB Regio zu erwarten.
Der Abschluss von soliden Tarifverträgen mit beiden Gewerkschaften ist für uns obligatorisch. Diese handeln wir in den nächsten Monaten für Nordrhein-Westfalen aus, wo wir im Dezember den Betrieb aufnehmen werden. Ich möchte aber als kleines Bahnunternehmen nicht in Machtkämpfe zwischen den Gewerkschaften geraten, denn der Leidtragende ist am Ende der Fahrgast. Beide Gewerkschaften dürfen von uns einen sehr offenen und fairen Umgang erwarten.


Werden Sie die bestehenden Werkstattanlagen in Nürnberg-Gostenhof nutzen können?
Wir haben großes Interesse, die gesamte Wartung aller Züge durch die DB durchführen zu lassen und hoffen auf ein wirtschaftliches Angebot. Damit wären auch diese Arbeitsplätze gesichert. Alternativ müssten wir in Nürnberg ein eigenes Werk bauen, was wir in unserer Kalkulation berücksichtigt haben. Aber auch dort warten sich die Züge nicht von allein, sind engagierte Fachkräfte gesucht.


Sie haben laut Vorgabe durch die Bayerische Eisenbahngesellschaft BEG für mitfahrendes Sicherheitspersonal zu sorgen. Werden Sie eigens dafür Kräfte einstellen?
Das haben wir noch nicht entschieden. Es gibt viele gute Anbieter auf diesem Gebiet. Die DB gehört übrigens auch hier mit dazu.


Das Nürnberger wird das erste komplette S-Bahn-Netz für NX sein. Schielen Sie schon auf das mit bekannt vielen Problemen behaftete Netz in Berlin?
Nürnberg stand ursprünglich gar nicht auf unserem Programm, wir hatten uns voll auf die S-Bahn-Ausschreibung in Berlin konzentriert und dort sehr viel Geld für Sachverständige, Gutachter und Anwälte investiert. Das Verfahren dort war eine einzige Katastrophe mit über 1000 Änderungen. Mein Eindruck war, dass die Politik dort die Vergabe mit Gewalt der DB zuschlagen wollte. Nun gut: Berlin scheint eine reiche Stadt zu sein, benötigt keinen wirtschaftlichen Nahverkehr und kann sich auch Geisterflughäfen leisten. So haben wir schweren Herzens entschieden, dort auszusteigen und hatten plötzlich Kapazitäten für die Bearbeitung eines Angebotes für Nürnberg frei.


Es gibt ja andere private Regionalnetz-Betreiber in Bayern wie Agilis und Ihre eigene Vergangenheit, die heutige Netinera (Ihre frühere Regentalbahn): Wird sich NX auch an Ausschreibungen wie dem „Regensburg Stern“ mit Verbindungen beispielsweise nach Neumarkt beteiligen?
Das liegt in ferner Zukunft. Fast alle Linien sind durch langfristige Verträge vergeben. Hier stehen in nächster Zeit keine Ausschreibungen an.


Wer Sie kennt, weiß um Ihre Vorliebe für historische Eisenbahnen. Sie waren ja in Ihrer Zeit bei der Nürnberger Pressestelle der Deutschen Bahn stark in Eisenbahn-Jubiläen mit Schwerpunkt Nordbayern involviert. Was lassen Sie sich für die Zukunft in Nürnberg einfallen?
Ja, ich interessiere mich sehr für die Geschichte der Eisenbahn in Deutschland und bemühe mich um den Erhalt historischer Züge. Aber auch National Express aus dem Stammland der Eisenbahn weiß, dass Zu(g)kunft von Herkunft kommt. Deshalb soll es auch bei der S-Bahn Nürnberg einen „Nostalgiefaktor“ geben, der an manchem Sonntagvormittag nicht nur bei Eisenbahnfreunden für eine Überraschung sorgen wird. Näheres wird noch nicht verraten.



Insbesondere der letzte Satz lässt hoffen...eine historische Nürnberger S-Bahn würde ja eigentlich aus einem Knallfrosch und x-Wagen bestehen. Insgesamt macht Herr Richter auf mich im Moment einen sehr guten Eindruck...

#2 RE: Interview mit Herrn Richter, Geschäftsführer von National Express von Jennyfer W. 06.02.2015 16:07

Ich habe ehrlichgesagt gleich immer rot vor Augen wenn ich nur lese dass private Unternehmen der DB die Netze abjagt. Der Fall der mich persönlich eigentlich am härtesten traf war das E-Netz Rosenheim. Von dieser Zeit habe ich noch Videos, Fotos usw. Ich bin desöfteren einfach mal so mitgefahren, bin in Rosenheim dann zum Beispiel zum Meggi, und dann einfach wieder zurück. Weil ich es einfach geliebt habe. Dann hab ich so langsam begriffen dass die roten Züge hier "dann mal" ausgedient haben und das heißt auch hier, dass lokbespannte Züge mal ihre schönen Tage hier >hatten<. Und lokbespannt ist für mich einfach ein Begriff von schönem Reisen. Die Dostos sind jetzt in meinem Fall die unkomfortabelsten Züge aber eeeeeeyyy, immernoch besser als ein 423 und mit unkomfortabelster muss ja nicht immer gleich gemeint sein dass es scheiße ist. Ich meine damit eher im Ranking unten, aber trotzdem noch angenehm. Ich schlafe zum Beispiel gern dort ein, die Abendzüge der Südostbayernbahn sind schön leer. Ich lenke aber jetzt wieder vom Thema ab xD Eigentlich wollt ich nur sagen, nicht alles was neu ist, muss gleich scheiße sein. Meridian und Talent von Werdenfels fand ich auch noch bis vor kurzem kacke aber mittlerweile habe ich die Fahrzeuge in mein Herz geschlossen und fahre echt gerne mit ihnen :)

#3 RE: Interview mit Herrn Richter, Geschäftsführer von National Express von H. Norfried V. 07.02.2015 12:22

Gerade der nostalgische Eisenbahnfreund hat natürlich nicht ausschließlich positive Gefühle bei so einer Ausschreibung. Als Fahrgast kann ich jedoch feststellen, dass es der betroffenen Linie nur gut tut, weil die DB meist veraltetes Material auf den Direktvergabe-Linien einsetzt. Bei den neuen läuft es zwar in der Regel anfangs so gar nicht rund (siehe aktuell S8 Rhein-Ruhr und Dieselnetz Köln), doch das ist fast immer unabhängig vom Betreiber der heutigen Fahrzeugtest und -abnahmepraxis geschuldet und gibt sich nach einiger Zeit (wobei im Fall S8 die Ausschreibung an sich schon vermurkst war). Wenn der RE4 beispielsweise endlich mal ausgeschrieben wird, verschwinden die alten, versifften unklimatisierten Dostos ohne FIS und mit den immer noch stinkigen ehemaligen Raucherabteilen dann auch. Mich wundert es bei der S-Bahn Nürnberg, dass die DB tatsächlich Talent 2 bestellt hat, obwohl die Ausschreibung noch bevorstand.

Tja, und der nostalgische Eisenbahnfreund in mir vermisst dann doch die n-Wagen mit ihren widerspenstigen Drucklufttüren, gegen die er sich beim Aussteigen manches mal mit Wucht gestemmt hat, weil sie so unglaublich schwergängig sein konnten. Den kräftigen Rums beim Schließen nach dem grellen Abfertigungspfiff und die "schönen" braunen Sitze mit Metallfederung der Silberlinge im Urzustand. Mit so einem bin ich zuletzt vor über 10 Jahren gefahren - sie waren nun mal prägend für den Regionalverkehr in meiner Kindheit und Jugend, nur darum trauere ich denen ein wenig nach und nicht weil sie besser wären als das heutige Material (425er nehme ich davon aber ausdrücklich aus, das sind furchtbare Dinger).

#4 RE: Interview mit Herrn Richter, Geschäftsführer von National Express von Marcel Hilgers 07.02.2015 19:11

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Um deine Antwort mal kurz zusammenzufassen...

Zitat von Jennyfer W. im Beitrag #2
Eigentlich wollt ich nur sagen, nicht alles was neu ist, muss gleich scheiße sein.
Stimmt.

Es gibt genug Beispiele, wo ältere Fahrzeuge durch Neufahrzeuge ersetzt wurden und der Komfort geblieben ist bzw. sogar gestiegen ist. Hierbei muss man allerdings die Zulassungsquälereien der letzten Jahre ausblenden...

Zitat von H. Norfried V. im Beitrag #3
Mich wundert es bei der S-Bahn Nürnberg, dass die DB tatsächlich Talent 2 bestellt hat, obwohl die Ausschreibung noch bevorstand.
Das wurde bereits im alten Verkehrsvertrag von 2004 (?) zwischen Verbund und DB Regio entsprechend festgehalten und war an den Ausbau des Netzes 2010 gekoppelt. Demnach sollten neue Triebwagen angeschafft werden und bis auf die S2 auf allen Linien eingesetzt werden. Die x-Wagen auf der S2 wurden alle modernisiert und sollten entsprechend bis zur Ausschreibung verkehren.

Dass die DB die Strecken gefühlt reihenweise verliert (man hat ja in der letzten Zeit auch ein paar Ausschreibungen gewonnen), liegt erstmal an den Aufgabenträgern, deren Aufschlüsselung der Angebote und der Priorität auf die Kriterien (Preis/Qualität/Neufahrzeuge/Personaleinsatz). Andererseits kommt es auch darauf an, wie die Eisenbahnverkehrsunternehmen kalkulieren...

#5 RE: Interview mit Herrn Richter, Geschäftsführer von National Express von H. Norfried V. 08.02.2015 15:58

Wenn die DB reihenweise Strecken verliert, sehe ich das als Fahrgast eher positiv. Warum sollte ich mit einem gewinnorientierten Konzern sympathisieren, der häufig vor den Ausschreibungen schwache Leistungen gezeigt und bereits im Fernverkehr mangels Trennung von Netz und Betrieb ein Beinahemonopol hat, wegen dem spontane Bahnreisen für Gelegenheitsreisende, d.h. Normalpreis ohne BahnCard und Rabatte purer Luxus sind. Da ist das Auto selbst dann günstiger, wenn man alleine fährt (z.B. bräuchte ich sicher keine drei Tankfüllungen für einmal Stuttgart und zurück). Folglich freut es mich, wenn der Laden unter Druck gerät und das vielleicht mal ein Umdenken bei den Angeboten auslöst.

#6 RE: Interview mit Herrn Richter, Geschäftsführer von National Express von Fabian K. 08.02.2015 20:29

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Wenn wir grad schon bei National Express sind:
http://www.wiwo.de/express-rail-britisch...x/11343452.html
:D

#7 RE: Interview mit Herrn Richter, Geschäftsführer von National Express von Moritz L. 09.02.2015 01:44

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Zitat von H. Norfried V. im Beitrag #5
Warum sollte ich mit einem gewinnorientierten Konzern sympathisieren, der häufig vor den Ausschreibungen schwache Leistungen gezeigt [...]


Bei Regio NRW hat sich das ja seit dem großen Knall mit dem VRR seltsamerweise in eine positive Richtung gewendet. Komisch... da wird einem wegen regelmäßiger und dauerhafter Schlechtleistung der Vertrag gekündigt... und fängt an zu merken: so geht es auf Dauer nicht weiter.

Grundsätzlich kann die DB ja gute Leistungen bieten. Nur hier hakt es ständig. In Niedersachsen will man, warum auch immer, die DB loswerden. Außer der S-Bahn Hannover wirds hier knapp, hier betreibt man offensichtlich lieber Vetternwirtschaft mit niedersächsischen (und teilweise ja auch in öffentlicher Hand) Unternehmen. Und beim Betreiber bleibts ja nicht bei diesem Verfahren, auch die Fahrzeuge kommen ja aus Niedersachsen.

Bei der DB hängt aber zu viel aneinander.
DB Station und Service als Betreiber der Bahnhöfe.
DB Netz zuständig für Infra.
DB Regio als Transporteur.
und noch viele andere Sparten der DB-Gruppe.

Während man von den Privaten sehr oft auch öffentlich Beschwerden über DB Netz z.B. hört, gibt es so etwas bei der DB nicht. Im Gegensatz zur NordWestBahn, oder ODEG oder anderen Privaten habe ich von noch keinem DB Regio-Betrieb gehört dass man ständige Probleme im Winter satt ist. Man kann quasi sagen, dass es innerhalb des Konzerns an Wettbewerb fehlt.

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