#1 [Naumburg] Ab 1. Januar 2010 täglicher Betrieb nicht gesichert von Alexander Schmitz 24.12.2009 13:13

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Die kleinste Straßenbahn Deutschlands in der Domstadt Naumburg (Saale) kämpft um ihr Überleben. Nach zweieinhalb Jahren Probebetrieb endet dieser Ende 2009 und wird nicht verlängert. Die zuständigen Behörden auf verschiedenen Ebenen begrüßen zwar den Willen zum Weiterbetrieb, sichere rechtliche und finanzielle Voraussetzungen sind aber trotz steigernder Fahrgastzahlen und tiefen Mitarbeiterlöhnen noch nicht geschaffen. Deshalb ist die Zukunft der Bahn ab Januar 2010 offen.

Die Naumburger Straßenbahn steht seit zweieinhalb Jahren wieder täglich in Betrieb – als Probebetrieb befristet bis 31. Dezember 2009. Vorher war die 1892 eröffnete und 1991 ein-gestellte Bahn nur tageweise als Touristenbahn im Einsatz. Die Finanzierung der ungedeck-ten Kosten aus dem täglichen Betrieb während des Probebetriebs hat das Land Sachsen-Anhalt übernommen. Diese Mittel haben es der Naumburger Straßenbahn GmbH ermöglicht, den Probebetrieb bisher auf einer sicheren finanziellen Basis durchzuführen. Das schätzen sowohl die acht Mitarbeiter, die sich die sechseinhalb neu geschaffenen Stellen teilen, wie auch die über 200'000 Fahrgäste, welche die Bahn bisher im Linienverkehr befördert hat.
Die Naumburger Straßenbahn GmbH hat sich während des Probebetriebs bemüht, diesen stets nahtlos fortzusetzen. Diese Bemühungen waren zweimal erfolgreich, denn das Land hat seine Zusage zur finanziellen Unterstützung zweimal verlängert. In zwei Wochen jedoch, am 31. Dezember 2009 läuft der Probebetrieb aus. Für das Jahr 2010 rechnet die Naum-burger Straßenbahn GmbH mit ungedeckten Kosten von rund 140.000 Euro. Diese müssen gedeckt sein, damit der Betrieb und die sechseinhalb Arbeitsstellen gesichert sind.
Land würde weiter unterstützen
Das Land Sachsen-Anhalt ist grundsätzlich bereit, den täglichen Betrieb der Naumburger Straßenbahn weiter zu unterstützen. Das würde mit Mitteln aus dem Gesetz über den öffentlichen Verkehr erfolgen, d.h. auf derselben Grundlage, auf deren Basis auch die anderen vier Straßenbahn-Betriebe des Landes unterstützt werden. Dazu müssen vorher rechtliche Voraussetzungen auf verschiedenen Ebenen (Land, Burgenlandkreis, Stadt Naumburg) geschaffen werden, die zurzeit noch nicht bestehen.
Die Naumburger Straßenbahn GmbH führt ihren täglichen Betrieb seit zweieinhalb Jahren so kostengünstig wie möglich durch: ein Minimum an Mitarbeitern, tiefe Löhne, Verwendung von Altbau-Triebwagen, Depot- und Werkstatt-Infrastruktur aus DDR-Zeiten, große ehren-amtliche Unterstützung durch die Mitglieder des Vereins Nahverkehrsfreunde-Naumburg Jena e.V., usw. Trotzdem deckt der in Aussicht gestellte Kostenbeitrag des Landes nicht die gesamten ungedeckten Kosten. Diese müssten von einem zusätzlichen Aufgabenträger übernommen werden.
Vorwärtsstrategie zum Überleben
Die Fahrgastzahlen 2009 liegen rund sieben Prozent über denjenigen von 2008. Im Novem-ber 2009 liegen die Zahlen gar 20 Prozent über denselben Zahlen des Vorjahrs. Damit hat die Naumburger Straßenbahn bewiesen, dass sie im Naumburger Kulturtourismus ihre Rolle spielt und auch für die Einwohner ein attraktives Verkehrsmittel darstellt. Deshalb darf die Naumburger Straßenbahn am 1. Januar 2010 nicht einfach stillstehen.
Die Naumburger Straßenbahn GmbH hat deshalb als Vorwärtsstrategie alternative Finanzierungsmöglichkeiten erarbeitet und wird versuchen, diese 2010 mit verschiedenen Partnern, vor allem im touristischen Bereich, umzusetzen. Doch zeigen erste Gespräche, dass es dazu nicht nur positive Voraussetzungen gibt.
So bleibt die Finanzierung der ungedeckten Kosten nach dem Ende des Probebetriebs ungesichert. Ab dem 1. Januar 2010 fährt die Naumburger Straßenbahn GmbH in eine ungewisse Zukunft. Die Naumburger Straßenbahn GmbH hat entschieden, nach Möglichkeit, den täglichen Betrieb auf Zusehen hin bis zum März 2010 zu führen, unter minimalen Finanzbedingungen und mit so wenigen Kosten wie möglich. Die Hoffnung besteht, dass die verschiedenen Behörden-Ebenen bis dahin rechtliche und finanzielle Voraussetzungen klären. Andernfalls könnte die Naumburger Straßenbahn Ende März 2010, wie schon 1991, erneut stillstehen. Wie durch ein Wunder hat die Naumburger Straßenbahn bisher alle Gefährdungen und Versuche einer Stilllegung überstanden. Das Jahr 2010 wird hoffentlich auch ein Wunder bereithalten...
Dank unermüdlichen Aktivisten immer noch in Betrieb
Die mittelalterliche Domstadt Naumburg (Saale) befindet sich im Süden von Sachsen-Anhalt, zwischen Weimar und Halle bzw. Leipzig. Sie ist touristisch attraktiv, dank ihrem Dom und ihrer hervorragend sanierten Innenstadt. Von 1892 bis 1991 stand hier eine Straßenbahn in Betrieb. Mit 5.3 km Streckenlänge bildete sie den kleinsten Betrieb in Deutschland und war als Ringbahn ein einzigartiger Exot. Die Bahn, seit ihrer Gründung 1892 auch "Wilde Zicke" genannt, hat bereits zu DDR-Zeiten mehrere Versuche der Betriebsstilllegung überlebt. In ihren besten Jahren hat sie über 8'000 Fahrgäste pro Tag befördert. Nach der Wende kam 1991 das Aus für den täglichen Straßenbahnverkehr. Gründe waren der schlechte Zustand der Gleise und die starke Zunahme des Privatverkehrs. Ein Stadtbus wurde eingerichtet. Einige Aktivisten setzten sich für den Erhalt der Straßenbahn ein. Dank ihnen und vieler Freunde der Naumburger Straßenbahn überlebten Anlagen und Fahrzeuge die Verschrot-tungspläne. Seit 1994 konnten die Aktivisten einen tageweisen Betrieb auf einem Reststück der Strecke durchführen.
Ende 1990er Jahre hat die Stadt Naumburg die Bedeutung der Straßenbahn für Tourismus und Stadtgeschichte erkannt. Sie hat bis 2007 über die Hälfte der Strecke betriebstüchtig saniert. Seit 2000 stehen die Bahnen einmal pro Monat in Betrieb. 2006 verkehrten die Bahnen bereits jedes Wochenende. Seit Ende März 2007 läuft der tägliche Betrieb. Er wird besorgt von der Naumburger Straßenbahn GmbH, einem privaten Verkehrsunternehmen, das 1994 von Freunden der Straßenbahn gegründet wurde. Sie wird unterstützt vom Verein "Nahverkehrsfreunde Naumburg – Jena e.V.".
Die Naumburger Straßenbahn ist heute das letzte funktionsfähige Beispiel eines Straßen-bahnbetriebes in einer deutschen Kleinstadt. Trassierung und Linienführung am Rande der fast vollständig erhaltenen Altstadt vermitteln den Eindruck der Zeit um 1900, die im Original-zustand vorhandenen Fahrzeuge die Optik der Nachkriegszeit. Zum Einsatz kommen die Fahrzeugtypen "Gotha" aus den 1950er und "Reko" aus den 1970er Jahren, erbaut in der ehemaligen DDR. Details auf http://www.naumburger-strassenbahn.de .

Quelle: http://www.naumburger-strassenbahn.de

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