#1 Die Wiederauferstehung der Tram - Aachen & Lüttich von Andreas Beeck 19.01.2010 23:28

avatar

Zitat von Grenzecho

Die Verstädterung stellt Aachen und Lüttich vor das gleiche Problem: Die Innenstädte drohen am immer höheren Verkehrsaufkommen zu ersticken. Die Lösung liegt, darin sind sich alle einig, in einer Ausweitung des öffentlichen Personennahverkehrs, und hierbei wird sowohl in Lüttich als auch in Aachen auf die Straßenbahn gesetzt.



In den nächsten Jahren wird in beiden Städten in ein Fortbewegungsmittel investiert, das 1967 (Lüttich) bzw. 1974 (Aachen) aus dem Verkehr gezogen worden war, weil die Modernisierung des städtischen Schienennetzes gescheut wurde. Der Bus schien damals in jeder Hinsicht die bessere Wahl. Doch wie heißt es so schön: Nachher ist man immer schlauer. Heute wissen die Mobilitätsstrategen die Vorzüge der einst voreilig zu Grabe getragenen Straßenbahn zu schätzen. Die Tram kann deutlich mehr Passagiere befördern als der Bus, bietet den Fahrgästen mehr Komfort und weist eine deutlich bessere Klimabilanz auf.

Hans-Peter Appel und die Aachener Straßenbahn haben sich knapp verpasst. Als der heutige Chef der Nahverkehrsgesellschaft Aseag Mitte der 70er Jahre nach Aachen zog, war dort der Straßenbahnbetrieb gerade eingestellt worden. Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, ist Appel, der Ende April in den Ruhestand treten wird, einer der großen Befürworter eines Straßenbahn-Comebacks in der Kaiserstadt. »Wir befördern mittlerweile 65 Millionen Fahrgäste pro Jahr. Anfang der 80er Jahre waren es noch 35 Millionen«, so Appel, und dieses Volumen sei nicht mehr mit Busverbindungen zu stemmen.

»Campusbahn«

Dass jetzt im Stadtteil Melaten, zwischen Pontviertel und Klinikum, ein Uni-Campus entsteht, spielt Appel und der Aseag in die Karten. Denn die Studenten sollen möglichst schnell zwischen Stadtzentrum, Campus und Klinikum hin und her befördert werden. Die Ideen sprudelten förmlich: Monorail, Seilbahn - doch bei der Entscheidungsfindung machte die gute alte Straßenbahn das Rennen, weil sie relativ einfach mit bereits bestehenden Angeboten des öffentlichen Personennahverkehrs verknüpft werden kann und zudem günstiger ist als beispielsweise eine futuristisch anmutende Magnetschwebebahn. Die »Campusbahn« soll möglichst zügig entstehen, Fördermöglichkeiten wurden bereits ausgelotet. Aseag-Vorstand Hans-Peter Appel hofft, dass die Bauphase 2013 eingeleitet werden kann.

In Lüttich ist ebenfalls eine »Pilotstrecke« angedacht. 500 Millionen Euro sollen in eine Tram-Verbindung zwischen dem Bahnhof von Jemeppe (Seraing) und dem Gewerbegebiet von Herstal fließen. Die Lütticher Straßenbahn würde so auf einer Länge von 17,5 Kilometern das gesamte Stadtgebiet durchqueren und auch den neuen TGV-Bahnhof bedienen. Der damalige wallonische Transportminister André Antoine (CDH) präsentierte die Lütticher Tram-Pläne im Februar 2009 als »eines der größten Verkehrsprojekte der Wallonie« und als »historische Chance für die Lütticher Region«. Große Worte, denen aber weniger schnell Taten folgen werden, als Antoine damals ankündigte.

Buslinien überlastet

Der neue wallonische Transportminister Philippe Henry (Ecolo) stellte zwar im vergangenen Oktober klar, dass die Wallonische Region am Lütticher Tram-Projekt festhalte, mehr noch: dass sogar eine Erweiterung angedacht sei, drückte aber gleichzeitig auf die Euphoriebremse. »Der Zeitpunkt der geplanten Inbetriebnahme der Lütticher Straßenbahn scheint mir ein bisschen optimistisch«, so Minister Henry, der davon ausgeht, dass die Arbeiten 2012 beginnen können. Die Investition von einer halben Milliarde Euro soll in öffentlich-privater Partnerschaft, in Form eines PPP, geschultert werden. Anders wäre das Projekt zum jetzigen Zeitpunkt nicht realisierbar, und der Bedarf ist offensichtlich. Eine Studie hat ergeben, dass das Lütticher Verkehrsaufkommen in den kommenden zwölf Jahren um 30 Prozent steigen wird. Und bereits jetzt sind einige Buslinien hoffnungslos überlastet.

In Aachen hofft die Aseag - die Abkürzung, ein Relikt aus früheren Tagen, steht übrigens für Aachener Straßenbahn und Energieversorgungs-AG - , dass die »Campusbahn« zwischen Klinikum und Rothe Erde keine Eintagsfliege bleibt. »Es wäre sinnvoll, die Straßenbahn auf das gesamte Stadtgebiet auszuweiten«, sagt Aseag-Chef Appel. Er erinnert daran, dass eine solche Stadtbahn Ende der 90er Jahre praktisch beschlossene Sache war. Von der Streckenplanung bis zur Finanzierung war alles in trockenen Tüchern, dann aber kamen die Kommunalwahlen, und die neue Aachener Stadtratsmehrheit aus CDU und FDP fegte das Straßenbahnprojekt kurzerhand vom Tisch. »Dabei war der Bedarf damals bereits gegeben«, so Appel. Aachen müsse von der Größe her über eine Straßenbahn verfügen.

400 Fahrgäste

Das sieht auch die Initiative »AC-Bahn« so. Sie stellt in einem Positionspapier fest: »Die demographischen Trends sprechen für die Bahn. Entgegen dem landesweiten Trend ist in Aachen nach den meisten Prognosen mit einer leicht ansteigenden Bevölkerungszahl zu rechnen. Gleichzeitig werden die Menschen älter. Auch steigende Energiepreise werden den öffentlichen Personennahverkehr stärken.«

Aus Sicht der Nahverkehrsgesellschaften liegt der Vorteil einer Straßenbahn darin, dass sie im Vergleich zum Bus über eine deutlich größere Kapazität verfügt. Das macht sich nicht zuletzt bei den Personalkosten bemerkbar. Ein Straßenbahnchauffeur kann bis zu 400 Fahrgäste gleichzeitig befördern. Selbst der »Jumbo-Jet« unter den Bussen, der Doppelgelenkbus, kann nur 190 Passagiere aufnehmen. Übrigens war Aachen die erste deutsche Stadt, die solche Doppelgelenkbusse eingeführt hat. Doch anders als der Bus kann eine Straßenbahn identitätsstiftend wirken. Sie werde, so Aseag-Chef Appel, »ganz anders wahrgenommen«. Die Tram prägt das Stadtbild und fördert die Wirtschaft. So ist eine Studie der Uni Wuppertal zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Straßenbahn in den jeweiligen Stadtteilen dafür sorgt, dass die Immobilienpreise steigen und der Einzelhandel mehr Umsatz macht.



Quelle: http://www.grenzecho.net/zeitung/aktuell...en_detail.asp?a={58C503CB-FDAE-4CEF-AD8D-7A0F5D08B33D}

Xobor Xobor Community Software
Datenschutz