#1 Berlin - Die Straßenbahn nimmt Kurs auf den Westen von Andreas Beeck 09.08.2010 08:42

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Offenbar macht sich auch in Deutschland endlich der Trend aus unseren westlichen Nachbarländern breit und man entdeckt die Straßenbahn wieder als echte Alternative zu teuren U-Bahnen und als Chance zur Umgestaltung ganzer Straßenzüge.

Zitat von http://www.berlinonline.de/berliner-zeit...5634/305635.php

Berlin - Seit Jahrzehnten ist sie dort nicht mehr gesehen worden. Aber es soll kein Abschied für immer gewesen sein. Denn die neuesten Planungen des Senats sehen vor, dass die Straßenbahn nach Schöneberg, Steglitz, Kreuzberg, Neukölln und andere Stadtteile im Westen Berlins zurückkehrt. Nach dem Entwurf des Stadtentwicklungsplans Verkehr, der in diesem Jahr verabschiedet werden soll, sollen unter anderem auf der Potsdamer Straße, auf der Sonnenallee und in Alt-Moabit wieder Schienen verlegt werden. „Wir finden es richtig, dass der Senat diese Vorhaben festschreibt – auch wenn manche erst für die ferne Zukunft geplant sind“, sagte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB.

1953 gab es noch 267 Kilometer Straßenbahnstrecke im Westen der Stadt. Doch weil die „Elektrische“ dem Autoverkehr weichen sollte, verlor eine Straße nach der anderen ihre Gleise. Hinzu kam, dass die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) kaum noch in den Wagenpark investierten – kein Wunder, dass die Straßenbahn als unmodern diffamiert wurde. Am 2. Oktober 1967 fuhr der letzte Zug, West-Berlin war straßenbahnfrei.

Zwar gibt es dort wieder zwei Strecken, aber nur im Wedding. Unter dem rot-roten Senat ist der Straßenbahnbau fast zum Erliegen gekommen. Seit Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) 2004 ins Amt gekommen ist, sind gerade mal 2,6 Kilometer Strecke entstanden.

Sanierungen haben Vorrang vor dem Bau neuer Gleise, so der Senat. Auch fehle Geld. „Denn das fließt vor allem in den Weiterbau der U-Bahn-Linie 5“, erklärte Wieseke. „Das Geld-Argument zieht trotzdem nicht mehr.“ Weil die S-Bahn nicht das volle Angebot fahren kann, behält der Senat einen Teil seiner Zahlungen ein. Seit dem Sommer 2009 waren es 54 Millionen Euro. „Diese S-Bahn-Mittel sollten dazu genutzt werden, das Straßenbahnnetz zu erweitern“, sagte der IGEB-Vize.

Er begrüßt es, dass sich in der Senatsverwaltung ein Umdenken ankündigt. Dort sei man nun dabei, „Leuchtturmvorhaben“ zu bestimmen, die vorrangig in Angriff genommen werden sollen. So soll die Straßenbahnstrecke Nordbahnhof–Hauptbahnhof, die voraussichtlich 2013 fertig wird, zum U-Bahnhof Turmstraße weitergebaut werden. Auch die Trasse, die vom Alexanderplatz über die Leipziger Straße und den Potsdamer Platz zum Kulturforum führt, ist dabei. Beide Projekte werden im neuen Stadtentwicklungsplan Verkehr verankert, den der Senat derzeit erarbeitet. In der Maßnahmenliste, die der Berliner Zeitung vorliegt, haben sie in der Kategorie „verkehrliche Wirksamkeit“ die Höchstwertung erhalten: zwei Pluszeichen. Der Entwurf des neuen Verkehrs-Masterplans, der bis 2025 gelten soll, enthält noch ein weiteres „Westprojekt“: eine Straßenbahn von Johannisthal zum U-Bahnhof Zwickauer Damm.
Interessant wird es im Anhang, wo der Senat „Langfristvorhaben“ auflistet. Er enthält Straßenbahnprojekte, die noch nie in einer offiziellen Planung verzeichnet waren. Zum Beispiel eine Strecke vom Potsdamer Platz nach Schöneweide, über Hallesches Tor und Hermannplatz. Auch eine von Forschern der Technischen Universität für wirtschaftlich befundene Trasse in den Südwesten ist dabei: Sie führt, vom Alexanderplatz kommend, über die Potsdamer, Haupt-, Rhein- sowie die Schlossstraße bis zum Rathaus Steglitz.

Billiger und attraktiver

Junge-Reyers Sprecherin Petra Rohland dämpfte die Freude der Tram-Fans: „Das sind Projekte, die erst für den Zeitraum ab 2025 realistisch sind“. Ob es Geld für sie geben wird, sei bisher nicht absehbar. Auch müsse noch geprüft werden, ob die Straßenbahnlinien tatsächlich neue Fahrgäste anlocken. Das sei nicht immer der Fall.

„Beide Strecken würden den überlasteten und unattraktiven Busverkehr, den es derzeit dort gibt, ersetzen,“ entgegnet Martin Schlegel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Straßenbahnen seien nicht nur preiswerter zu bauen und zu betreiben, sie seien auch attraktiver als Busse. Nachdem in der Bernauer Straße 2006 die Straßenbahn den Bus abgelöst hatte, hat sich dort in anderthalb Jahren die Fahrgastzahl verzehnfacht.

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20 Prozent mehr Fahrgäste

Groß: Das Berliner Straßenbahn-Streckennetz misst 189,4 Kilometer.
Voll: 2009 wurde die BVG-Straßenbahn für 166,7 Millionen Fahrten genutzt. Im Vergleich zu 2000 ist das ein Zuwachs um fast 20 Prozent.
Preiswert: Die Strecke Alexanderplatz–Steglitz soll laut Senat pro Kilometer 12,9 Millionen Euro kosten. Für den Weiterbau der U-Bahn-Linie 5 sind 196 Millionen Euro pro Kilometer eingeplant, für die A-100-Verlängerung 131 Millionen Euro.

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