Eine alte Dame wird flott gemacht. Nicht weil sie hinfällig wäre - soweit soll es erst gar nicht kommen. Deshalb gibt es rechtzeitig neue Stützen. Keine Leichtgewichte: rund 30 Tonnen bringen die Stahlgerüste auf die Waage. Pro Stück, versteht sich. Zehn sind davon in den letzten Wochen gesetzt und verankert worden. 110 Jahre ist die Wuppertaler Schwebebahn inzwischen in Betrieb. „Jetzt wird sie fit gemacht für die nächsten 100 Jahre”, ordnet Michael Malicke von den Stadtwerken die umfangreichen Arbeiten am weltberühmten Wahrzeichen der Stadt ein. Eine Frischzellenkur für ein Meisterwerk der Ingenieurskunst aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts.
Mit Beginn der Sommerfreien vor rund fünf Wochen ging das Hauptverkehrsmittel der Stadt an der Wupper vom Netz. Außerhalb der Ferienzeit nahzu undenkbar. „82 000 Fahrgäste pro Tag nutzen sonst die Bahn”, weiß Michael Malicke. Vor allem Schüler und Berufspendler. Was in anderen Großstädten die U- ist den Wuppertalern ihre Schwebebahn: eine Hauptschlagader des Stadtverkehrs, die die Straßen im engen Tal entlastet. Und eine Touristenattraktion.
Jetzt, zum Ferienende, biegen die Modernisierungsarbeiten am Schienennetz der Hochbahn auf die Zielgerade ein: Gegenüber der Haltestation Stadion am Zoo, direkt unterhalb vom trutzigen Turm der Sonnborner Hauptkirche, geht die Schwebebahn in die Kurve. Die Trasse verlässt den Lauf der Wupper; die Wagen schweben jetzt über Land. Mitten über der Sonnborner Straße. Nach der 90-Grad-Abzweigung geht es zwischen Wohnhäusern und Geschäftsgebäuden geradeaus in Richtung Endstation in Vohwinkel. Wer in den Wohnhäusern aus den Fenstern in der zweiten und dritten Etage schaut, blickt auf das Fahrgerüst.
m Kurvenknick an der Kirche malochen aktuell die Bauarbeiter unter Hochdruck: Funken fliegen, säckeweise hebt ein Kran Stahlschrauben, die die Dicke eines Kinderarms haben, in die Höhe. Es wird geschraubt, gehämmert, geflext. Zementiert und fest gezurrt. Mit dem notwendigen Neubau der alten Stahlgerüste wird aus der Langsam-Fahrstelle eine ordentliche Kurvenfahrt. Der Radius des Abzweigs ist vergrößert worden. Dafür mussten nicht nur komplett neue Stützen gebaut, sondern auch die Fundamente neu gesetzt werden. Wie ein umgedrehtes, grünes U sehen die Stahlskelette aus, an der die Schienen hängen. Mitten in der Baustelle steht ein Ankerpunkt, der sogar vier Standbeine hat. „Diese Konstruktion ist auf einer Arbeitsplattform auf der Wupper zusammengebaut worden und mit einem Kran an Ort und Stelle gehievt worden. In der Straße, zwischen den Häusern wäre viel zu wenig Platz gewesen”, berichtet Ulrich Woodroffe, der als Ingenieur das Ausbauprojekt leitet.
„Bisher konnte die Bahn dort nur 25 Stundenkilometer fahren, künftig ist Tempo 60 drin”, schildert Michael Malicke nicht ohne einen Anflug von Stolz. Schneller wird die Bahn zwar, aber nicht lauter, verspricht Malicke, denn: „Die Bauarbeiter verlegen Flüsterschienen”. Die Wagen schweben also auch fürs Ohr, nicht nur fürs Auge. Eine dauerhafte Entschädigung der Anwohner für den Baulärm der letzten Wochen.
Zwischen den Stützen 93 und 103 ist die Trasse der Schwebebahn am Abschluss der Arbeiten modernisiert; das sind 275 Meter der insgesamt 13,3 Kilometer langen Strecke. Rund 550 Tonnen Stahl werden am Ende verbaut sein.
95 Prozent der Modernisierung, die letztlich 1997 begann, sind damit erledigt. 275 Meter - ohne Zweifel der schwierigste Abschnitt. Anders als an anderen Abschnitten wird rund um die Uhr gearbeitet - und nicht nur nachts oder an Wochenenden, wie zu 80 Prozent der anderen Baustellen. Deshalb auch der mehrwöchige Stillstand der Schwebebahn.
Am Freitag soll die Bahn wieder in Betrieb gehen. Ob’s dabei bleibt? „Das müsste funktionieren”, sagt Ingenieur Ulrich Woodroffe unaufgeregt an der Baustelle – getreu dem Slogan der Stadt: Wir wuppen das.
Ab 2014 sollen neue Wagen her
Bis zum Jahr 2014 soll die Modernisierung der Wuppertaler Schwebebahn abgeschlossen sein. Nach dem Ausbau der Trasse steht als nächstes der Kauf neuer Wagen an.
Nur: „Diese gibt es nicht auf dem Markt”, erklärt Michael Malicke von den Stadtwerken Wuppertal die Schwierigkeit. 33 Stück braucht die Schwebebahn; mit einer europaweiten Ausschreibung sind jetzt Unternehmen aufgefordert worden, Angebote zu unterbreiten. Eingeschaltet ist auch ein Designbüro, das in der Frage nach dem Aussehen und der Farbgebung der neuen Wagen berät.
Die orange-blauen Fahrzeuge, die heute durch die Stadt schweben, sind in den Jahren 1972 bis ‘75 angeschafft worden. „Das war damals das Modernste, was es gab: Die sind komplett aus Aluminium”, blickt Malicke zurück.
Mit den neuen Wagen soll auch ein neues Betriebssystem eingeführt werden, das die Signal- und Wagenanlagen steuert.
Quelle: WAZ-Mediengruppe