Die dafür erforderlichen Änderungen in den Nutzungsbestimmungen für den Eurotunnel würden auch den Weg für den ICE nach London ebnen...
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Siemens liefert an Eurostar
Bis zur letzten Minute hat der französische Konkurrent versucht, die Entscheidung des Zugbetreibers Eurostar rückgängig zu machen. Vergebens: Der deutsche Industriekonzern soll tatsächlich Hochgeschwindigkeitszüge liefern.
Der Siemens-Konzern hat gute Chancen, in die Domäne des französischen Konkurrenten Alstom einzudringen. Denn das französisch-britisch-belgische Gemeinschaftsunternehmen Eurostar hat eine Vorentscheidung getroffen, dass die Deutschen bevorzugter Bieter für die Lieferung von zehn Hochgeschwindigkeitszüge der neuesten Generation Velaro sind. Diese sollen von 2014 an durch den Eurotunnel fahren. Dies war am Mittwoch aus Kreisen beider Unternehmen zu erfahren. Eurostar will an diesem Donnerstag auf einer Pressekonferenz in London den Beschluss bekannt geben.
Damit ist der Auftrag aber noch nicht perfekt. In den nächsten Wochen müssen Details verhandelt werden, woraus sich dann das tatsächliche Auftragsvolumen von schätzungsweise mehr als 600 Millionen Euro ergeben wird. Eurostar wie auch Siemens lehnten am Mittwoch jeden Kommentar zu den Gerüchten ab. Erste Spekulationen über Eurostar-Züge aus dem Hause Siemens gab es bereits im Sommer. Danach war der Eurostar-Betreiber zunehmend unzufrieden mit den mittlerweile veralteten TGV-Zügen von Alstom. So hat es im vergangenen Winter zahlreiche Ausfälle im Eurotunnel gegeben.
Französische Regierung kämpft für Alstom
Sollte Siemens tatsächlich den Auftrag für die Lieferung erhalten, wäre das nicht nur symbolisch ein herber Rückschlag für Alstom, die die seit 1994 fahrenden, völlig überalterten Eurostar gebaut und von denen sie seitdem 31 Züge geliefert hat. Mit den Franzosen hat es nur einen zweiten Bieter für die Ausweitung der Flotte gegeben. Die alten Züge sollen in den nächsten Jahren modernisiert werden, wofür wohl Alstom den Auftrag erhalten dürfte.
Die Franzosen müssen damit einen Fremdling in ihrem Heimatmarkt dulden. Der französische Industriekonzern hofft immer noch, dass das letzte Wort nicht gesprochen ist. Die französische Regierung befürchtet eine Schwächung des Industrieunternehmens und kämpft als Mitkonstrukteur des Tunnels unter dem Ärmelkanal für eine Sicherung der Aufträge für Alstom. Bisher jedenfalls gelang es Frankreich immer wieder, den Bahntechnikmarkt gegenüber den Deutschen abzuschotten. Dementsprechend intensiv waren die Versuche, die Entscheidung von Eurostar zugunsten von Siemens zu verhindern. Über den Aufsichtsrat soll die französische Staatsbahn SNCF, die 55 Prozent an Eurostar hält, auf eine Entscheidung zugunsten von Alstom hingewirkt haben.
Änderungen in Zulassungsbestimmungen vorgesehen
Im Vorfeld hatte Alstom als Argument gegen Siemens angeführt, dass die Sicherheitsbestimmungen für den Eurotunnel nicht erfüllt werden würden und deren Züge zu kurz seien. Der deutsche Konzern wird jedoch eine verlängerte Version mit 16 Waggons liefern. Die sind deutlich länger als die für die Deutsche Bahn geplanten 15 Züge, die von 2012 an in Deutschland verkehren werden. Darin liegt auch die Erklärung, warum der Eurostar-Auftrag ein größeres Volumen hat als jener der Deutschen Bahn mit 500 Millionen Euro. Ebenso soll es entsprechende Änderungen in den Zulassungsbestimmungen für den Betrieb im Eurotunnel geben, damit der über den gesamten Zug verteilte Achsantrieb des Velaros erlaubt ist. Der TGV ist derzeit mit einem Triebkopf versehen; der Zug wird also von einer Lok angetrieben. Der Nachfolger AGV kann sowohl als Triebkopf als auch mit Achsantrieb geliefert werden.
Bisher hat Siemens seinen allein entwickelten Velaro in Spanien, Russland, China und in Deutschland verkauft. Sicher ist der Auftrag von Eurostar noch nicht. Mit dem Status des bevorzugten Bieters macht der Konzern gerade unrühmliche Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Großauftrag für die Lieferung von neuen Generationen von 300 IC-, EC- und ICE-Zügen für die Deutsche Bahn im Volumen von 6 Milliarden Euro. Seit Anfang des Jahres verhandelt Siemens exklusiv. Im Sommer sollte eigentlich die Vertragsunterzeichnung sein. Bis heute jedoch sind viele Fragen noch nicht gelöst, ein Abschluss ist noch nicht abzusehen.
Entlassungen bei Alstom angekündigt
Die Transportsparte von Alstom mit ihren knapp 29 000 Mitarbeitern ist nach dem Turbinenbau für Kraftwerke der zweitgrößte Unternehmensbereich des Konzerns. Sie bringt mit einer operativen Rendite von 7,2 Prozent bei einem Umsatz von 5,8 Milliarden Euro im vergangenen Geschäftsjahr zwar weniger Gewinn als der Energiesektor, ist jedoch stabiler. Die Ablehnung durch Eurostar wäre die zweite Hiobsbotschaft in dieser Woche. Denn im schwankenden Energiebereich hatte Alstom in diesen Tagen den Abbau von 4000 der 49 000 Arbeitsplätze angekündigt, weil die Nachfrage schwach verläuft und aus Umweltschutzgründen Kohle- und Gaskraftwerke weniger bestellt wird.